Wie “Das Mitternachtsversprechen” entstand

Wie “Das Mitternachtsversprechen” entstand

Ich besuchte Turin zum ersten Mal in einer eiskalten Dezembernacht im Jahr 2010. Ich war spät angekommen. Mein guter Freund Fabrizio, der in Turin lebte, führte mich im Dunklen durch die Stadt. Mir war kalt und ich hatte Hunger, aber er wollte mir unbedingt die unterschiedlichen Facetten Turins zeigen wie jemand, der mit seinem Gast zuerst eine Wohnungsbesichtigung macht, bevor man sich setzt.

Wir überquerten weite Plätze, umgeben von Palästen und Kirchen, schlüpften aus dem Licht von Strahlern in dunkle Gassen, die nur aus Ecken zu bestehen schienen. Wir kamen an heruntergekommen Buden vorbei, vor denen sich junge Männer zusammendrängten und rauchten. Unser Freund riet uns, den Blick abzuwenden, um sie nicht zu provozieren. Dann die Markthalle, ein Koloss im Herzen der Stadt, davor ein riesiger Platz, der mit Obstkartons, einzelnen Schuhen, Plastiktüten und Müll aller Art überzogen war – die Reste des größten Marktes in ganz Europa, der sich jeden Abend auflöst um sich am kommenden Morgen wieder zu erheben. Unter unseren Füßen die Keller von Turin: ein Netz von jahrhundertealten Gängen, in denen einst angeblich Alchemisten nach Erkenntnis suchten und von denen einer direkt in die Hölle führen soll.

Wir hätten die ganze Nacht so laufen können, statt dessen tauchten wir in einen Keller ab, in dem es arabisches Essen, volle Tische, Musik und eine Bauchtänzerin gab.

Am folgenden Tag eine andere Stadt: Hell, herrschaftlich und freundlich. Endlose Arkadengänge, Kaffeehäuser mit alten Stühlen, üppigen Vorhängen und Kuchenvitrinen, wie man sie nirgends sonst in Italien findet. Kleine Designerläden, ein breiter, träger Fluss und grüne Hügel auf der anderen Seite.

Pause im Mulassano, ein Schmuckkästchen von Café mit nur vier oder fünf Tischen, überall Marmor und Messing und geschnitzte Balken. Die Croissants werden auf einer silbernen Etagere serviert und die Speisekarte hat eine gedrehte Kordel. Während ich meinen Kaffee trank, wurde mir klar, dass ich eine Geschichte schreiben wollte, die in Turin spielt. Nur brauchte ich noch einen Funken, der die Geschichte anfachen würde.

Veronica Zucca war fünf Jahre alt. Ihre Eltern führten das Caffè Savoia an der Piazza Paesana (heute Piazza Savoia). An einem kalten Januartag 1902 spielte sie wie immer mit anderen Kindern auf der Piazza. Doch als ihre Mutter sie hereinrufen wollte, kam sie nicht. Victoria war wie vom Erdboden verschwunden. Und trotz allem Suchen blieb sie es.

Zunächst geriet ein ehemaliger Angestellter des Cafés, der sechzehnjährige Alfredo Conti, in Verdacht: Nachdem er wegen eines Streits entlassen worden war, hatte er Rache geschworen. Allerdings besaß er ein Alibi für die Zeit des Verschwindens.

Dann wurde Veronicas Leiche gefunden (wo, verrate ich hier nicht) und ein anderer Mann rückte ins Zentrum der Ermittlungen: Giovanni Gioli war geistig zurückgeblieben und begriff nicht einmal richtig, was er getan hatte. Doch »Das Monster« war gefasst und wurde zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt. Ob er die Haft überlebte und was danach aus ihm wurde, ist nicht bekannt.

Das Café Mulassano, die infernotti, die Geschichte von Veronica – Schriftsteller sind Sammler, die hier ein Bröckchen, da ein Stückchen Wirklichkeit aufsammeln. Bestimmte Orte, Ereignisse, Menschen ziehen unsere Aufmerksamkeit auf sich. Ich glaube, wir suchen uns dies Bruchstücke aus, weil sie zu einem Thema passen, das uns beschäftigt. Dieses Thema benutzen wir als Klebstoff, um die Splitter zu einer neuen, eigenen Geschichte zusammenzusetzen.

In »Das Mitternachtsversprechen« habe ich mir selbst die Frage gestellt, ob man immer beschützen kann, was (oder wen) man liebt, und ob es immer richtig ist, das auch zu tun. So sehr man sich bemüht, geschehen manchmal Dinge, auf die wir keinen Einfluss haben. Und manchmal führt der Versuch, um jeden Preis die Kontrolle zu behalten, zu einer Katastrophe.

(Nachwort zum Roman:)


Mascha Vassena

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